Creamtea mit Blick auf malerische Buchten

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Mit dem Bulli von Bayern nach Südengland

Der blaue Autobahnwegweiser mit der Aufschrift „Nürnberg“ zeigt nach links. Hunderte Male sind wir hier schon abgebogen, nur dieses mal soll es ein bisschen weiter gehen. Wir machen uns mit unserem T2 Bus, 2 Kindern und viel zu viel Gepäck auf den Weg nach Südengland. Ein Tintenstrahl Google-Maps-Ausdruck liegt auf meinen Knien, darauf eine blaue Schlange, die den Weg von Bayern über Luxenburg nach Belgien und dann über den Ärmelkanal auf die britische Insel weist. Ich bin Beifahrer und mir obliegt es möglichst gut den Weg anzusagen. Auf der Rückbank ist es noch ruhig – kein Wunder, IPod und E-Book-Reader tun ihren Dienst. Noch. „Bitte Herr, den ersten Geschwister-Streit erst ausserhalb der Landesgrenze – Bundeslandgrenze!“, schiesst es mir durch den Kopf.
Wie die meisten verbinde ich mit England Erinnerungen aus der Teenager-Zeit. Sprachferien ohne Eltern, ein Gefühl von erster Freiheit, der Geschmack von Fish and Chips, im Ohr die Musik von Blur und Portishead. Erstaunlich viele Freunde haben sich bei Umfragen im Vorfeld unserer Reise als begeisterte Großbrittanien-Fans geoutet, haben aber selber schon seit langen keine Fuss mehr dort hingesetzt, geschweige dann dort Urlaub gemacht.

Wirklich weit sind wir nicht gekommen: erste Übernachtung am malerischen Breitenauer See in der Nähe von Schwäbisch Hall

Wir wollen uns in kleinen Etappen mit unserem grünen VW-Bus bis zum Ärmekanal vorarbeiten, es langsam angehen. Die erste Übernachtung findet somit schon kurz hinter Schwäbisch Hall, am schönen Breitenauer See statt. Gleich an der Rezeption werden wir gefragt, ob wir auch zum T3-Treffen auf dem Camping-Platz wollen. Durch Zufall findet just an diesem Wochenende dort auch ein Bulli-Treffen mit T3s statt.
Unser Bulli zieht wie immer viele Blicke auf sich. Man kommt leicht mit den Leuten ins Gespräch. Man hat das Gefühl, fast jeder über 50 hat einen daheim in der Garage stehen oder ist schon mal in den 70ern damit mindestens bis Griechenland gekommen, wenn nicht sogar bis Indien. Der Bulli ist ein absoluter Sympathieträger.

Unentdecktes Belgien

Wir fahren weiter Richtung Luxemburg – ganz Luxemburg scheint entlang an dem Fluss Mosel nur aus einem einzigen Campingplatz zu bestehen – und kommen dann nach Belgien, in Gebiete, die man so nur aus dem Geschichtsunterricht kennt: Eupen, Malmedy. Ich erinnere mich dunkel von deutschsprachigen Gebieten gehört zu haben, die nach dem 1. Weltkrieg an Belgien abgetreten wurden. Aha… so sieht es da aus. Grün, ländllich, von bäuerlichen Strukturen geprägt, mein erster Eindruck. Und ein weiteres Gebiet, das vor kurzem auf sich aufmerksam gemacht hatte, lernen wir gleich auch noch kennen: Die Wallonie. Bekannt durch ihr beherztes „Nein“ zu TTIP. „Das sind doch die, die TTIP zu Fall gebracht haben“, denke ich noch und bin gespannt auf dieses umtriebige kleine Volk. Aber, wer redet heute noch über TTIP? Schnee von gestern, seit Donald Trump am Ruder ist. Wir finden einen schönen Campingplatz, direkt an einer Schlossanlage gelegen. Leider hat Mutti (also ich) den Adapter für den Stromanschluss am Breitenauer See vergessen abzuziehen. Camperfrauen-Anfänger-Fehler. Kein Strom, kein Aufladen der elektronischen Unterhaltungsgeräte für die Kinder. Ich versuche mit radebrechenden Französisch einen Adapter bei der Camping-Rezeption aufzutreiben. Vergebens. Unsere nette englische Parcellen-Nachbarin hilft uns mit ihrem aus. Sie ist mit ihren zwei Kindern genau auf dem entgegengesetzen Weg wie wir und will ins sonnige Frankreich. Sie kann nur den Kopf schütteln über unser Ansinnen, ausgerechnet nach England zu fahren. „England, are you sure? It often rains there, also during the summer.“ Nein, sicher sind wir nicht mehr.

Brügge sehen und sterben

Am nächsten Tag wollen wir nun endlich die Küste erreichen. Wir beschliessen spontan, der Stadt Brügge einen Besuch auf dem Weg dorthin abzustatten. Brügge liegt mit nur ein paar Kilometern Umweg genau auf unserer Route. Und dann gibt es da noch diesen Indepedent-Film „Brügge sehen und sterben“ mit Colin Farell, der uns beim Stichwort Brügge im Kopf rumspukt und den wir mal vor einem Jahr als DVD angeschaut hatten. Darin geht es um zwei schwermütige Killer, die in den malerischen Kulissen von Brügge zum Däumchendrehen verurteilt sind. Klingt skurill, macht aber Lust, diese malerische Stadt mit den vielen Kanälen zu besuchen. Außerdem, die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder, echte belgische Waffeln zu probieren. Es soll unser Hauptargument werden, die Kinder zu motivieren, einen Abstecher nach Brügge zu unternehmen.
Ein paar Stunden später sitzen wir wieder im Auto, und haben tatsächlich feinste Waffeln mit Sahne und Kirschen gegessen.
Ein paar Eindrücke aus Brügge:


Am Abend finden wir einen schönen Campingplatz direkt am Meer mit dem passenden Namen Duinezwinn. Das erste mal in ihrem Leben sehen die Kinder die Nordsee mit ihrem enormen Tidenhub, der im Vergleich zum Mittelmeer ordentlich was her macht. Auch hier nur einen Steinwurf von England scheint gleichnahmige Sprachbenutzung bei der hiesigen Bevölkerung einer Beleidigung gleich zu kommen: Keiner scheint mit uns Englisch sprechen zu wollen (oder zu können?) Das stelle ich fest, als ich mich am nächsten Tag so dermaßen in den Parzellen des Campingplatzes verirre und immer wieder verzweifelt Bewohner, denen ich begegne nach dem Weg frage. Egal –irgendwann erblicke ich erleichtert unseren grünen Bus.
Ein paar Stunden später stehen wir an der Rehling der Fähre, um den Ärmelkanal zu überqueren. Noch verlassen wir nicht den Europäischen Kontinent, in ein paar Jahren wird das anders sein, wenn der Brexit vollzogen ist.
Zusammen mit unzähligen Briten, die heim fahren, halten wir nach den Kreidefelsen von Dover Ausschau. Es soll sogar schon Engländer gegeben haben, die bei deren Anblick in Tränen vor Rührung und Heimweh ausgebrochen sind. So sagt man.

Von nun an heisst es „drive left“


Erleichterung macht sich auch bei mir breit, als wir mit unserem Bus von der Rampe rollen und alles glatt gegangen ist. Kein Motoraussetzer auf der steilen Rampe, keine hupende Autoschlange, weil man liegen gebleiben ist. „Drive left“ wird nun zum Credo der nächsten zwei Wochen werden. Zu meiner Schande muss ich erwähnen, dass ich keinen Meter auf englischen Boden selbst gefahren bin. Aber ein guter Beifahrer ist ja auch Gold wert, nicht wahr? Isn‘t it?
Unsere erste Nacht verbringen wir in Arundel, das mit seiner großen Burganlage unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Tatsächlich ist Arundel eines der besterhaltensten Schlösser des Mittelalters, genau so, wie man sich ein Camelot oder eine Burg aus einem Ritterfilm vorstellt: groß, trutzig mit Zinnen und Türmchen und einem bekannten Earl of Arundel als Burgherr.
Nun ist auch der Zeitpunkt für das erste Fisch und Chips-Mahl gekommen. In Arundel entdecken wir einen authentischen Fish-& Chips-Laden, wo die Leute davor rauchend warten, dass ihr Name aufgerufen wird, um ihr fettiges Paket in Empfang zu nehmen. Auch ich warte im Fettdunst vor der Türe darauf dass die Dame hinterm Tresen „Lubeke“ rausplärrt. Die Fish und Pommes sind köstlich, wir geniessen sie im funzeligen Licht auf unseren Klappstühlchen vor dem Campingbus.
Am nächsten Tag wollen wir nun endlich Land gewinnen und Strecke machen.

Und in der Tat. Die Landschaft dieser südenglischen Grafschaft ist wirklich unglaublich reizvoll. Hier machen wir auch das erste Mal Bekanntschaft mit den typischen schmalen Gassen, die durch die Felder schnüren. Rechts und links meterhohe Wände aus zurechtgestutzten Hecken. Kaum so breit, dass zwei Auto nebeneinander vorbei passen. „Hier müsste es doch ständig krachen,“ denke ich verwundert. Aber scheinbar fahren hier alle sehr umsichtig und vorausschauend. Es ist eine Freude durch die Dörfer hier im Küstenbereich der Südküste von Dorset zu fahren. Überall erahnt man die viel gepriesene englische Liebe zu Gärten und Blumen. Wir kommen schliesslich in das Örtchen Wimborne Minster. Es ist 17.00 Uhr und von hinten schallt es „Eis, please!“ Leider hat die einzige Bio-Eismanufaktur am Platz schon geschlossen. Wir landen schliesslich bei „The Thirsty Bird“, einem netten kleinen Cafe, was so auch in Berlin oder Barcelona sich hätte befinden können. Die Besitzerin gibt uns den Tip einfach zum nächsten Supermarkt zu gegen, Eise zu kaufen und wieder her zu kommen. Dann hätte sie auch für uns einen herrlichen Bio-Fair-Trade-Latte-Macciato. Überhaupt kann man nur immer wieder über die entspannten Briten staunen. Nicht nur, dass sie endlich auch ihr lieblos druchfrittiertes Essen verbessert haben. Keine Rede mehr davon, in England gibt es nur Pie mit Soße. Quatsch mit derselbigen. Nein. Auch auf der britischen Insel hat man vielerorts den Dreiklang aus „Biofood, irgendwas mit Craft“, und „local“ sich zu Nutze gemacht und verstanden. Böse Zungen sagen ja, das läge hauptsächlich am Jamie Oliver. Der hat den Briten ein bisschen auf die Sprünge geholfen in Sachen gutes, gesundes Essen. Den Touristen freut es.
Und so schlürfen auch wir höchst angeregt im Gespräch mit der Besitzerin vom Thirsty Bird leckeren Bio-Kaffee.
Also wir uns dann endlich losreissen wird es schon abend und wir haben noch keinen Schlafplatz. Wir wollen über Britstop einen Stellplatz für eine Nacht finden. Wenn man über Britstop eine Plakette kauft, darf man sich auf Anfrage bei den vielen zahlreichen Bauernhöfen und Landgütern, die dort Mitglied sind, eine Nacht auf den Hof mit dem Camper stellen.
Wir entschieden uns für einen Bauernhof auf dem Weg zu unserem Häuschen, welcher für sein Bauernhof-Eis gelobt wird. Unglaublich, wie oft wir in innerhalb von 24 Stunden Manufakturen für Bio-Eis begegnen! Schon die zweite. Wir verbringen nun wirklich die Nacht auf einem gekiesten Areal wo ein Verkausfbude steht, in der Bauernhof-Eis verkauft wird. Inmitten von Kühen und einem herrlichen Sonnenuntergang geniessen wir unser Abendessen. Am nächsten Tag wollen wir noch nach Lyme Regis, einem Küstenort, der nicht weit entfernt ist. „Be careful – it‘s Bank Holidy“, gibt uns die alte Bäuerin noch zu verstehen und mit auf dem Weg. „…Samstag in einem verlängerten Wochenende…“ „Ja wissen wir, da kann es am Stand schon mal voll werden.“ Wir verabschieden uns lachend und fahren an die Küste.
Wenn sie wüsste, dass wir schon an zahlreichen Stränden in Italien oft wie die Ölsardinen gelegen sind. Tatsächlich hat Lyme Regis an diesem Bank-Holiday Samstag etwas von Rimini nur mit viel kälterem Wasser und ohne Sonnenschirmreihen.


Am Nachmittag brechen wir abermals auf, nun mit dem Endziel Thurlstone, wo wir für eine Woche ein Häuschen gemietet haben. Thurlstone ist ein pittoreskes Örtchen an den schönen Küste von Devon. Direkt am South-West-Cost-Path, der immer an den Klippen entlang führt. Hat der Jakobsweg die Muschel als Symbol, so hat dieser malerische Weg im Gegenzug die Eichel als Erkennungszeichen. An der kann sich der Wanderer gut orientieren. Tatsächlich hat dieses schöne Fleckchen Devon etwas von Rosamunde-Pilcher-Filmen – auch wenn die Drehorte besagter Filme im westlicheren Cornwall beheimatet sind: der milde Golfstrom lässt auch hier üppige Rosen, wunderschöne Vorgärten und grüne Wiesen wachsen. Auch unsere Kinder können sich dem rauhen Charme der Küste nicht entziehen und sind restlos von den coolen Engländern, den starken Gezeiten und der herrlichen Sandstränden begeistert. Und endlich – nach langem Suchen finden wir auch eine Gelegenheit, einmal einen echten Cream Tea zu probieren. Bei einem Abstecher nach Salcombie finden wir endlich ein Cafe, das auf hat und wo es herrlich leckeren Cream Tea gibt, für den Cormwall und Devon so berühmt sind. Dieser Nachmittags-Snack besteht aus leckeren Hefeteigbrötchen mit Rosinen (Scones), die mit einer Art buttrigen Sahne-Cream gestrichen werden und dann noch mit Erdbeermarmelade getoppt werden. Wahnsinnig lecker, aber auch wegen seines Kaloriengehaltes eher was für scher arbeitende Fischer. Die Woche in Thurlstone vergeht bei schönstem Wetter wie im Flug. Wir reisen wieder Richtung Dover. Nicht ohne vorher jedoch einen Stopp beim Motorjumble in Beaulieu und zwei Nächte in London zu machen. Aber das ist wieder deine eigene Geschichte.

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